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„Staatsplan 14.25“- Zwangsdoping im DDR-Sport

Die Zeitzeugin Ines Geipel besucht das Bayernkolleg

 Auch in diesem Schuljahr fand die Tradition der Zeitzeugenberichte im Geschichtsunterricht am Bayernkolleg eine beeindruckende Fortsetzung. Anders als in den letzten Jahren hat Schulleiter Peter Rottmann zusammen mit der Fachschaft Geschichte dieses Mal den Blick nicht auf den Nationalsozialismus, sondern auf das SED- Regime in der DDR gerichtet.

Die Zeitzeugin, die sich am Montag, den 25.02 2013, mit den Schülerinnen und Schülern der KI und des SO 21 unterhielt, war Ines Geipel aus Berlin, jetzt Professorin für Literatur an der Hochschule für Schauspielkunst „ Ernst Busch“ in Berlin. Sie gewährte als frühere Spitzensportlerin und Dopingopfer den Zuhörern persönlich erfahrene Einblicke in das Sportdoping damals in der DDR, aber auch heute global.

Ines Geipel wird 1960 in Dresden geboren. Ab 1977 betreibt sie Leistungssport beim SC Motor Jena. Anfang der 1980er Jahre ist sie Mitglied der DDR- Leichtathletik- Nationalmannschaft. 1984 stellt sie in der Staffel des SC Motor Jena mit drei anderen Läuferinnen in Erfurt mit 42.20 sec den bis Olympia 2012 gültigen Weltrekord über 4 mal 100 Meter auf. Kurz vor den olympischen Spielen 1984 wird sie aus dem DDR- Team ausgeschlossen, studiert Germanistik und flieht 1989 über Ungarn nach Westdeutschland. Hier studiert sie Soziologie und Philosophie in Darmstadt.

Ihre literarische Produktion ist wegen der Vielzahl der Werke, aber noch mehr wegen der Vielfalt der Themen beeindruckend. Seit dem Amoklauf von Erfurt forscht und schreibt sie über dieses Thema. Als Literaturwissenschaftlerin beschäftigt sie sich mit meist verfemten Autorinnen der DDR. Zudem hat sie zwei Romane und viele Gedichte geschrieben. Vor allem aber engagiert sie sich für die Aufarbeitung des DDR- Sportdopings. Ihr 2001 veröffentlichtes Buch „Verlorene Spiele. Journal eines Doping- Prozesses“ spielte eine maßgebende Rolle bei der Befürwortung des Entschädigungsfond für in DDR-Sport geschädigte Menschen. Noch im selben Jahr beschloss der Bundestag einen Entschädigungsfond von zwei Millionen Euro. Im Jahr 2008 greift sie das Doping-Thema wieder auf. Ihre Buchrecherche fragt im Titel:

„No Limit. Wie viel Doping verträgt die Gesellschaft?“

Wegen ihres Engagement für in der DDR unterdrückte Literatur als auch für ihre Aufarbeitung des DDR-Zwangdoping-Systems samt Entschädigung der Doping-Opfer wird sie 2011 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Ihr persönliches Schicksal im Dopingsport der DDR vermittelt sie eindrucksvoll in Vortrag und Gespräch mit den jungen Erwachsenen des Bayernkollegs. Als Tochter eines Mannes, der als so genannter Terroragent Stasi-Vergangenheit hat, wird sie im Alter von siebzehn Jahren Leistungssportlerin in Jena. Und damit ist sie Teil des berüchtigten Staatsplans 14.25, durch den die DDR-Machthaber das staatlich organisierte Doping aller Leistungssportler festlegten. Nach Ines Geipels Darstellung wurden in den 1970er und 1980er Jahren etwa 10000 Athleten gedopt. Rund 20 % sind gesundheitlich schwer geschädigt: Krebs, Geschlechtsveränderungen, Schädigungen bei ihren Nachkommen, Depressionen.

 Der Entschädigungsfond für Dopingopfer ist nach Geipels Meinung gut, aber oft nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie sind darüber hinaus ein Teil aller Opfer des SED-Regimes. Ines Geipel kritisiert, dass dieses Thema bis heute allzu gerne unter den Teppich gekehrt wird, vor allem im modernen Leistungssport.

Auf intensive Nachfragen der Schülerinnen und Schüler hin gibt Frau Geipel einen Einblick in ihr persönliches Sportlerschicksal. Es lässt die Zuhörer erschaudern. Im Mexiko hat sich die 24-jährige in einem Trainingslager verliebt und ist verraten worden. Die Stasi will sie „strategisch ... vernichten“ und tut dies durch eine angebliche Blinddarmoperation, nach der sie nicht mehr Sport treiben kann. Einige Jahre später, nach der Wende 1989/90, arbeitet sie durch Lesen zahlreicher Stasi-Akten die Vergangenheit auf. Doch betont sie, dass Doping nichts Verflossenes, noch DDR-Spezifisches oder dem Hochleistungssport Eigentümliches sei. Es ist gerade heute von immenser gesellschaftlicher Bedeutung: Über 700 000 Kindern in Deutschland wird zurzeit Ritalin verschrieben und immer mehr Studenten greifen zu Aufputschmitteln. Doping, vor allem im Sport, ist – so fast Frau Geipel zusammen – „ein Systemzwang geworden“. Großer Beifall für ihr sowohl persönlich erschütterndes wie fachlich kompetentes Gespräch durch die Kollegiatinnen und Kollegiaten!

                                                                                                                 
Walter Lenhard