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"Eine Kindheit hatte ich nicht"

Hugo Adolf Höllenreiner erzählt von seinem Überleben in vier Konzentrationslagern   Ein Interview in der "Süddeutschen Zeitung" vom 4. Mai 2009 hat Schulleiterin Johanna Bonengel derart ergriffen, dass sie Kontakt zu Hugo Adolf Höllenreiner aufnimmt.   Herr Höllenreiner ist Sinto, geboren am 15. September 1933 in München.  Mit seinen Eltern und fünf Geschwistern wird er 1943 deportiert. Er ist erst neun Jahre alt und weiß nicht, wohin die Reise geht. Sie endet im "Zigeunerlager" in Auschwitz-Birkenau. Im April 1945 befreien ihn englische Soldaten aus dem Konzentrationslager Bergen- Belsen, der Endstation nach grauenvollen Jahren in den KZs Auschwitz-Birkenau, Ravensbrück, Mauthausen und Bergen-Belsen.   Erst im 60. Lebensjahr kann Herr Höllenreiner über die Schreckenszeit sprechen. Seitdem sieht es der heute 76-jährige als seine Aufgabe an, jungen Menschen zu erzählen, "wozu Menschen fähig sind." Deshalb folgt er auch der Einladung und spricht am 2. Dezember 2009 am Bayernkolleg vor den Schülerinnen und Schülern der K 1 und K 2.   In einer einführenden Rede gibt der Fachleiter Geschichte, Herr Lenhard, einen Überblick über die allgemeine Diskriminierung, Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung der Sinti und Roma durch das nationalsozialistische Terrorsystem und stellt erste Bezüge zur Kindheit Höllenreiners her.   Danach erzählt dieser selbst, spricht leise, in sich gekehrt und muss, obwohl er sein Schicksal schon so viele Male vorgetragen hat, zweimal zum Taschentuch greifen, weil ihm Tränen in die Augen treten.   Hugo Adolf Höllenreiner wächst in München-Giesing auf, sein Vater Josef betreibt ein kleines Fuhrunternehmen. Am 16. Dezember 1942 legt Reichsführer SS Heinrich Himmler den so genannten Auschwitz- Erlass vor. Darin wird auch die Einweisung der "fremdrassigen Zigeuner" im Konzentrationslager festgelegt. Im März 1943 werden die Höllenreiners deportiert. Ein Lastwagen karrt sie zum Güterbahnhof, Umsiedlung nach Polen, heißt es harmlos. Als Hugo die Viehwaggons sieht, denkt sich der Neunjährige: "Das ist doch gar kein richtiger Zug." Alle müssen in einen Waggon klettern, "schnell, schnell" die SS- Männer drücken die Leute mit Gewalt hinein. Zweieinhalb Tage Fahrt, kein Essen, kein Trinken, die Notdurft in die Hosen. "Das könnt ihr euch nicht vorstellen", sagt er zu den 150 Bayernkollegiaten. "Ich war damals neun Jahre alt, schnell denkt man wie ein Erwachsener mit 30, 40 Jahren, eine Kindheit hatte ich nicht." Im Saal des Bayernkollegs ist es still. Die Schüler hören erschüttert zu.   Ankunft in Aussschwitz-Birkenau. "Raus, raus", brüllen die bewaffneten SS-Männer, scharfe Schäferhunde bellen. Alle müssen sich ausziehen, vor allem die jungen Mädchen werden vor dem Duschen gedemütigt. "Da wusste ich, das wird schlimm, man steht kurz vor der Hölle." Hugo heißt ab jetzt nicht mehr Hugo, Hugo ist die Nummer 3529, die ihm eintätowiert wird. Davor ein "Z", für Zigeuner. Höllenreiner schildert den täglichen Durst, den Hunger: "Nichts zu essen, da kriegt man unerträgliche Schmerzen, da wird man wahnsinnig."  Hugo war an der Bahnrampe zum "Aufladen von Sachen" eingeteilt, sah die Selektionen, sah die "am Gas erstickten Menschen, die ineinander verkeilt waren."   In Ausschwitz-Birkenau geraten Hugo und sein Bruder Manfred in die Hände des KZ-Arztes Mengele. "Da dachte ich, das ist das Ende."  Mengele habe ihm einen Haken zwischen die Beine gestoßen, "so hoch, so weit, dass ich bald nichts mehr gesehen habe." Er habe geglaubt zu sterben, wollte aber nicht schreien, weil der Bruder danach dran war.  Immer wieder sagte er sich den Satz vor: "Der tut dir nichts."   In Ravensbrück, Mauthausen, Bergen-Belsen, wohin die Familie verlegt wird, die gleiche Prozedur: Schreien, ausziehen, Fünferreihen. Im April 1945 befreien Hgo Adolf Höllenreiner englische Soldaten aus dem KZ Bergen-Belsen. "You are free", haben sie gerufen und der Junge wusste nicht, was das bedeutet.   Als Herr Höllenreiner nach über einer Stunde seinen Vortrag beendet, ist den Gesichtern der Schülerinnen und Schülern anzusehen, welche Erschütterung die Schilderung dieser qualvollen Kindheit im rassistisch-nationalsozialistischen System in ihnen ausgelöst hat.  

Walter Lenhard

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